Die Buchstaben sind wie Ameisen und haben ihren eigenen geheimen Staat.
Elias Canetti

Alles gut? Alles gut! Ein Alleskönner nistet sich ein.

Foto: fotolia.com/fotogestoeber

Es begann damit, dass mich der Freund einer Freundin fragte, ob es mir gut geht. Ich antwortete lapidar „alles gut“. Daraufhin schaute er mich an und sagte: „Das sagst Du immer“. Anschließend drehte er sich von mir weg. Ich schaute verdutzt auf seinen Rücken.

Einige Tage später, in einem ruhigen Moment, erinnerte ich mich an diese Situation und stellte fest, dass er Recht hatte. Bestimmt kommt Ihnen bekannt vor, was ab diesem Zeitpunkt passierte: Mir fiel auf, wie viele Menschen „alles gut“ in allen möglichen und auch unmöglichen Situationen sagen oder auch als verkürzte Frage formulieren. Ich stellte fest: Wow, „alles gut“ ist ein echter Alles-Könner!

Wollen Sie wissen wie es jemandem geht, können Sie fragen: „Alles gut?“ Der andere kann antworten: „Alles gut!“. Und schnell ist dieses Thema pragmatisch abgehandelt. Und das auch noch mit den gleichen Worten, die mit Hilfe eines Satzzeichens eine unterschiedliche Bedeutung erhalten – Frage oder Antwort.

Die meisten Menschen wollen ja gar nicht ernsthaft wissen, ob es jemandem gut geht oder nicht. Man fragt das halt einfach so. Und der Gefragte will oftmals auch gar nicht ehrlich antworten, ob es ihm wirklich gut geht oder eben nicht. Mit „alles gut“ ist aber alles gesagt und das nächste Thema kann kommen oder man geht auseinander.

Stolpert oder verschluckt sich jemand passt auch hier die Frage: „Alles gut?“. Meist folgt auch hier die gleich formulierte Antwort. Eine wegwischende Handbewegung oder ein Kopfnicken kann das Gesagte noch unterstreichen. Aber dann ist es auch gut und dieses Thema ist erledigt. Der Fragende muss sich keine weiteren Gedanken machen. Prima! Es gibt noch unzählige weitere Situationen, wo „alles gut“ passt.

Ich bin sehr froh, dass mich dieser Freund darauf gestoßen hat, wie lapidar und oberflächlich „alles gut“ klingt. Wie bei allen blinden Flecken ist es gar nicht so einfach, sie los zu werden. Aber ich bin optimistisch, dass ich es geschafft habe (Ausnahmen bestätigen die Regel J). Hinzu kommt, dass ich es sehr schade finde, dass ein ordentlicher Satzbau dieser Verkürzung zum Opfer fällt. Es passt zwar zu unserer Zeit, dass wir unsere Formulierungen und Sätze verkürzen, aber man muss ja nicht jeden Trend mitmachen. Deshalb plädiere ich dafür, die Frage wieder auf vier Worte zu verlängern und sich die Zeit zu nehmen, auch eine ehrliche, längere Antwort in Ruhe anzuhören. In diesem Sinne hoffe ich, dass es Ihnen wirklich gut geht!



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