Die Buchstaben sind wie Ameisen und haben ihren eigenen geheimen Staat.
Elias Canetti

Ehrlich gesagt….

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In letzter Zeit stolpere ich in Gesprächen mit den verschiedensten Personen immer wieder über eine Formulierung: „Ehrlich gesagt…“. Meist reagiere ich nicht darauf aber ich frage mich häufig: Was soll das heißen – ehrlich gesagt? Heiß das vielleicht, dass derjenige vor diesem Einschub nicht ehrlich war? Oder heißt es, dass er oder sie mir das was nach dem „ehrlich gesagt“ folgt, schmackhafter machen will, indem er mich verstärkend darauf hinweist, dass er nun ehrlich sein wird?

Ich bin noch nicht dahinter gekommen, was diese Floskel wirklich bedeutet. Sie bringt mich aber dazu, mir über den Umgang mit der Ehrlichkeit Gedanken zu machen. Die meisten Menschen behaupten von sich, dass sie immer aufrichtig und ehrlich sind. Kleine Notlügen oder Schummeleien seien erlaubt. Ist das tatsächlich so? Ist eine kleine Notlüge erlaubt? Und wenn sie mal hier mal da erlaubt ist, schleicht sie sich nicht dann wie eine Gewohnheit in unseren Sprachgebrauch ein?

Wie geht es Dir/Ihnen?

Wie ehrlich sind wohl die Antworten auf die Frage „wie geht es Dir/Ihnen“? Häufig hängt das davon ab, wie gut man den Fragenden kennt und wie viel man von sich preisgeben will. Aber damit kann die Unehrlichkeit schon einmal anfangen. Oder war die Frage an sich vielleicht schon nicht ehrlich gemeint, weil man sie gewohnheitsmäßig stellt und gar nicht wirklich wissen will, wie es dem Gegenüber geht?

Wie steht mir das Kleid?

Oder was antworten Sie zum Beispiel, wenn Ihre Freundin sie fragt, ob ihr das Kleid gut steht? Sie finden die Farbe an ihr grauenvoll. Was sagen Sie? Ich überlege dann zuerst einmal: Will sie wirklich die Wahrheit hören oder nur eine Bestätigung für die Kaufentscheidung? Ist es an dieser Stelle angebracht, die Wahrheit zu sagen? Was könnte in der Folge passieren, wenn ich ehrlich meine Meinung sage?

Das ist gar nicht immer so einfach. Mir ist es schon einmal passiert, dass eine Freundin mir ihre Bedenken über ein Kleid das sie trug, beschrieb und ich bestätigte diese Bedenken, ohne mir Gedanken über die Folgen zu machen. Sie war verärgert, weil sie lieber das Gegenteil gehört hätte: eine Beschwichtigung, dass ihre Bedenken unnötig seien. Seither überlege ich mir genau was ich wie sage und frage mich dann auch: Wie ehrlich bin ich, wenn ich mir diese Gedanken mache? Vielleicht ist in solchen Fällen ein Zitat von Voltaire ein guter Wegweiser:

Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist solltest du auch sagen.



2 Antworten zu “Ehrlich gesagt….”

  1. Wolfgang Hollbach sagt:

    Warum sagt man nicht einfach Offen gesagt

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