Die Buchstaben sind wie Ameisen und haben ihren eigenen geheimen Staat.
Elias Canetti

Heute fermentier ich mal und ich finde mich total K dabei!

Foto: Anja Kuhn

Ich bin definitiv tinderjährig und gehe regelmäßig looten. Sozialtot und emojionslos bin ich aber Gott sei Dank nicht. Gefresht? Im Moment ja. Ich halte mich nicht für unfly; ob ich zu einer Squad gehöre – ich weiß es nicht. Aber insgesamt finde ich mich total „K“.

Haben Sie alles verstanden, was in den ersten Sätzen dieses Artikels steht? Wenn nicht, ist das nicht so schlimm. All das sind Worte, die bei Lagenscheidt im vergangenen Jahr zu den 30 Wörtern gehörten, die in der Auswahl für das Jugendwort des Jahres um den ersten Platz kämpften.

Tinderjährig bedeutet, dass man alt genug ist, um die App Tinder zu benutzen, looten heißt einkaufen gehen und sozialtot bedeutet, dass man in keinem sozialen Netzwerk zu finden ist. Wer emojionslos ist kommuniziert ohne Emojis und gefresht bedeutet so viel wie „nicht durstig sein“. Dafür wurde übrigens vor einigen Jahren ein völlig neues Wort kreiert: Sitt!

Unfly heißt uncool sein, und Squad steht für eine extrem coole Gruppe. „K“ stand nicht auf dieser Liste, ist aber eine Abkürzung für „Okay“. Da spart sich der Schreiber glatt drei Buchstaben.

Sprache verändert sich, Worte verändern sich und manche davon verschwinden ganz aus unserem Wortschatz. Das ist bei einigen wirklich bedauernswert. Zum Beispiel finde ich es sehr schade, dass wir für das Wort „Wählscheibe“ keinerlei Verwendung mehr haben. Ebenso wie „Bandsalat“ ist es mit der Entwicklung der Technik aus unserem Leben verschwunden. Kennen Sie auch noch einen „Dreikäsehoch“ (kleiner Junge) oder „schwofen“, was tanzen bedeutet? Bei „Fräulein“ empfinde ich jedoch keinerlei Bedauern, dass dieses Wort kaum noch genutzt wird.

Dafür kommen neue Worte hinzu. Sprache ist eben auch ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Sie sagt viel über uns aus. Jugendliche nutzen gerne veränderte Worte, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Soziale Netzwerke und diverse Chatkanäle tragen dazu bei, Abkürzungen und Verfremdungen zu verbreiten und Gefühle mit Hilfe von Emojis zu transportieren. Dabei ist das ja wieder eine alte Form der Kommunikation nur in neuem Gewand, denn Bilder sagen mehr als tausend Worten.

2017 wurden 5.000 neue Worte in den Duden aufgenommen. Zum Beispiel Willkommenskultur, facebooken, entfreunden, Fake News, Selfie, postfaktisch und Hygge. Hygge kommt aus dem skandinavischen und heißt so viel wie Gemütlichkeit, Heimeligkeit als Lebensprinzip. Das gefällt mir sehr. Deshalb nutze ich auch das Kaiserwetter, um ein wenig zu fermentieren (was so viel wie kontrolliertes Gammeln heißt). Das klärt den Geist und macht frisch für neue Gedanken. Wer weiß, vielleicht kreiere ich dabei auch ein neues Wort…



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