Die Buchstaben sind wie Ameisen und haben ihren eigenen geheimen Staat.
Elias Canetti

Wenn der blinde Fleck gar nicht mehr so blind ist

Hand aufs Herz: Jeder von uns hat mindestens einen blinden Fleck. Und damit meine ich nicht die blinden Flecken aus der Augenheilkunde oder den blinden Fleck beim Autofahren (auch toter Winkel genannt) sondern versteckte Ticks oder eingeschlichene Wörter, die wir selber an uns gar nicht wahrnehmen, weil wir sie als ständige Begleiter lieb gewonnen haben.

Es ist nicht unbedingt schön, auf seinen blinden Fleck angesprochen zu werden und die meisten Menschen reagieren nicht gerade erfreut, wenn ich – meist berufsbedingt – Formulierungen, Worthülsen, Füllwörter oder auch Bewegungen aufdecke, die sich mein Gesprächspartner angewöhnt hat. Wir selber sehen ja die blinden Flecken nicht und können den Hinweis im ersten Moment nicht nachvollziehen. Typische blinden Flecken sind ein eigentlich, ein quasi, ein letztlich die wir regelmäßig als Füllworte in einen Satz einbauen. Er kann auch eine Handbewegung sein, mit der wir uns ständig an den Mund gehen, durch die Haare spielen oder am Ohr zupfen.

Ich überlege mir sehr gut, wen ich wie auf seinen blinden Fleck aufmerksam mache. Und ich meine es immer gut, denn blinde Flecken verringern die Wirkung unserer Kompetenz und das Know-how, das wir ausstrahlen wollen. Füllwörter schmälern eine klare und wirksame Ausdrucksweise. Das Spielen mit Haaren, Ohrläppchen oder ähnlichem kann den Eindruck erwecken, als seien wir nicht hundertprozentig aufmerksam oder konzentriert. Es kann auch anders herum sein: Unser Gesprächspartner konzentriert sich nur noch auf unsere ständig wiederkehrende Geste und ist von den Inhalten abgelenkt. Dann hört er uns nicht mehr aufmerksam zu.

Blinder Fleck erkannt – und jetzt?

Bloß was passiert, wenn wir auf einen solchen blinden Fleck hingewiesen werden? Wir nehmen ihn ab diesem Zeitpunkt ständig war, wenn er aus seinem Versteck heraus kommt. Deshalb habe ich schon des Öfteren von guten Freunden gehört, die ich vorsichtig auf ihren hingewiesen habe: „Anja, so ein Mist. Ich sage/mache das ja ständig! Das ist ja schrecklich.“ Am Anfang ist es unangenehm, unseren blinden Fleck zu kennen. Plötzlich stolpern wir immer wieder darüber.

Wir machen eine Pause, weil er uns entweder auffällt, bevor wir ihn aussprechen wollen oder wenn er bereits gesagt ist. Das ist am Anfang natürlich etwas nervig. Genauso wie eine Bewegung, die wir uns angewöhnt haben. Wir halten vielleicht mitten in der Bewegung inne, stoppen den Verlauf und vielleicht hängt dann eine Hand plötzlich in der Luft. Das Gute ist: Irgendwann, nach einigen Wochen (3-5 sagt man), ist der blinde Fleck gelöscht. Bis dahin braucht sein Verwender einfach ein wenig Geduld mit sich und das Wissen, dass er ohne seinen blinden Fleck besser dran ist.



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