Die Buchstaben sind wie Ameisen und haben ihren eigenen geheimen Staat.
Elias Canetti

Wort-Kosmetik oder die ungeschminkte Wahrheit?

Schönheit ist relativ, hat meine Mutter immer zu mir gesagt, wenn ich als Teenager verzweifelt war über Pickel, dünne Topmodels und die neusten Modetrends, die sich nicht in meinem Kleiderschrank befanden. „Und außerdem kommt es auf die inneren Werte an“, folgte dann noch meist hinterher.

Und genau darum geht es heute: um die inneren Werte von Worten. Was verbirgt sich hinter Formulierungen wie „Herausforderung“, „gegenseitigem Einvernehmen“ oder „suboptimal“?

Seien wir ehrlich: Hinter der Herausforderung versteckt sich ein Problem. Ein Problem, dass uns zwingt, unser bisheriges Verhalten und unsere Routine zu ändern. Das ist immer erst einmal unangenehm. Wenn wir das Problem als Herausforderung bezeichnen, klingt es gleich weniger schlimm. Es klingt schon fast positiv und wirkt damit wie Falten oder kleine Rötungen auf der Haut, die wir mit einer Schicht Make-up oder Concealer abdecken.

Genauso ist es mit dem „gegenseitigem Einvernehmen“. Wer bitte glaubt denn ernsthaft, dass sich von heute auf Morgen ein Paar oder eine Führungskraft und Ihr Arbeitnehmer in gegenseitigem Einvernehmen trennen? Doch nicht einfach so, wenn einen Tag zuvor scheinbar noch eitel Sonnenschein geherrscht hat. Nach außen hin scheint das möglich zu sein. Wenn wir hinter die Fassade schauen, fällt uns fast immer mindestens eine Unstimmigkeit in dieser Geschichte auf und es wirkt, als hätten jemand eine verschönernde Schicht Farbe darüber gespachtelt und könnten so aus tiefstem Herzen sagen: Siehst Du, hübsch!

Und was soll denn bitte „suboptimal“ bedeuten? Entweder ist etwas optimal gelaufen oder eben nicht. Das Synonym von suboptimal heißt schlecht. Können wir es nicht beim Namen nennen? Mit dem Wort suboptimal verschleiern wir, dass etwas völlig danebengegangen ist. Ich sehe bei seiner Verwendung immer gleich ein nachlässiges Schulterzucken vor mir, als wäre es nicht so schlimm. Suboptimal klingt einfach freundlicher als schlecht.

Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich aus formulierungspolitischer Sicht auch mit der ein oder anderen kosmetisch verschönerten Formulierung arbeite. Das hält mich nicht davon ab, die Dinge beim Namen zu nennen. Ungeschminkt.

Außerdem bin ich der Meinung, dass die Klarheit der Formulierung wichtiger ist, als Verschleierung und das drum herum Gerede. Auf den Punkt gebracht führt uns Kommunikation erfolgreicher ans Ziel als Sätze langes schön gefärbtes lavieren, bei dem unser Gegenüber sich das inhaltliche Ziel selber zusammen suchen muss.



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