
Eine Stimme für den letzten Weg
Seit 2023 gebe ich Lebensgeschichten in einer besonderen Form eine Stimme: als Trauerrednerin.
Es ist die leiseste Facette meiner Arbeit. Und vielleicht die, die am nächsten an die Menschen heranreicht.
Worte für den letzten Weg
Wenn ich eine Trauerrede schreibe, begleite ich einen Menschen auf seinem letzten Weg – mit dem, was ich am besten kann: Sprache. Und ich begleite die Angehörigen dabei, sich zu erinnern, loszulassen und sich zu verabschieden.
Das klingt nach einer schweren Aufgabe. Das ist sie auch. Aber sie ist vor allem eines: bedeutungsvoll.
Keine Aneinanderreihung von Geschichten
Eine Trauerrede ist keine Liste von Ereignissen oder Aneinanderreihungen von Erinnerung. Sie ist kein „er wurde geboren, er hat geheiratet, er hat gearbeitet, er ist gestorben“.
Eine gute Trauerrede zeigt den Verstorbenen, so wie er war. Wie er gelebt hat. Welche Spuren er hinterlassen hat – bei seiner Familie, bei Freunden, bei Menschen, die vielleicht nur einmal mit ihm gesprochen haben und es nie vergessen haben.
Damit das gelingt, muss ich genau zuhören. Angehörige erzählen mir selten eine fertige Geschichte. Sie erzählen in Bruchstücken: eine Angewohnheit, über die alle lächeln mussten. Ein Satz, der immer wieder fiel. Ein Streit, der am Ende doch nur zeigte, wie sehr man sich liebte. Ein Moment, der eigentlich klein war und der doch alles über einen Menschen sagt.
Meine Aufgabe ist es, aus diesen Bruchstücken ein Bild zu formen. Eines, in dem sich alle wiederfinden. Eines, das dem Verstorbenen gerecht wird. Und eines, das den Trauernden hilft, in diesem einen Moment der Verabschiedung Halt zu finden.
Nähe statt Distanz
Meine Arbeit an Büchern dauert oft Monate. Eine Trauerrede entsteht unter ganz anderen Bedingungen: unter Zeitdruck, in einer Ausnahmesituation, für Menschen, die gerade jemanden verloren haben, der ihnen wichtig war.
Das macht diese Arbeit nicht kleiner. Im Gegenteil. Sie verlangt eine besondere Form von Nähe und von Vertrauen. Angehörige öffnen sich mir in einem Moment größter Verletzlichkeit. Sie teilen Erinnerungen, die oft noch nie jemand außerhalb der Familie gehört hat. Diese Nähe nicht zu enttäuschen, ist mir dabei jedes Mal wichtig.
Warum ich das tue
Ich schreibe Lebensgeschichten, weil ich glaube: Jede Geschichte verdient es, erzählt zu werden. Nicht nur die großen, öffentlichen Geschichten. Auch die leisen. Die, die nur eine Handvoll Menschen kennt.
Eine Trauerrede ist die letzte Gelegenheit, eine Lebensgeschichte in Worte zu fassen bevor sie nur noch in der Erinnerung derer weiterlebt, die zurückbleiben.
