
Eine Begegnung, die Spuren hinterlassen hat
Es gibt Begegnungen, die rauschen an uns vorbei, hinterlassen ein Lächeln und werden zu einer locker‑leichten Erinnerung. Und es gibt Begegnungen, die uns tief berühren.
Solch eine Begegnung erlebte ich im Hochsommer 2001.
Ich steckte mitten in meiner ersten großen Lebenskrise. Nach einem Jahr Ehe war ich urplötzlich wieder Single – mitten im Hausbau. Ich war völlig am Boden zerstört und brauchte all meine Kraft, um mein Leben neu auszurichten.
Nach zwei Monaten in meinem alten Jugendzimmer hatte ich eine neue Wohnung gefunden und es mir dort schön gemacht. Doch dann erhielt ich die nächste Hiobsbotschaft: Die Firma, in der ich seit einem Jahr arbeitete, musste die erste Mitarbeiterin entlassen – ausgerechnet eine Kollegin, die in dieser kurzen Zeit zu einer guten Freundin geworden war.
Das war zu viel. Ich beschloss kurzerhand, in den Urlaub zu fliegen. Das erste Mal ganz allein.
Alleine im Urlaub
Ich buchte Mallorca und bekam vermutlich das letzte freie Zimmer auf der ganzen Insel – in einer kleinen Bucht im Südosten. Als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete, sah ich: Es war winzig. Ein einzelnes Bett stand mitten im Raum. Das Fenster und der kleine Balkon zeigten auf den Hügel, in den das Hotel gebaut war. Unter dem Fenster befand sich eine Klimaanlage, die aussah wie der alte Nachtspeicherofen meiner Oma. Sie war auch ähnlich laut.
Schon beim Einchecken hatte ich gehört, dass in einigen Nächten Diebe über die Balkone in Zimmer eingestiegen waren, die Bewohner betäubt und ausgeraubt hatten. Also beschloss ich, trotz der hohen Temperaturen, nachts die Klimaanlage auszuschalten und das Fenster geschlossen zu halten.
Es war mir alles egal. Hauptsache, ich konnte meiner neuen Single‑Wohnung, dem Job und meiner Traurigkeit entfliehen.
Ich hatte drei Bücher eingepackt, lag den halben Tag in der Sonne und las. Die Kellner bemühten sich sehr um mich. Vermutlich hatten sie auf den ersten Blick erkannt, wie es um mich stand.
Dann wollte ich doch die Insel kennenlernen und buchte eine Rundfahrt im Auto‑Corso. Als es losging, fragte mich die Reiseleitung, ob es okay sei, wenn ein älteres Ehepaar mit mir fahren würde. „Eigentlich wollte ich mich fahren lassen“, murmelte ich und war froh, dass ich meinen Führerschein nicht zu Hause gelassen hatte.
Wir starteten zu dritt in einem mintgrünen Corsa. Die ältere Dame, die mich an meine Oma erinnerte, setzte sich nach vorn, ihr Mann auf die Rückbank.
Kurz nach der Abfahrt hörte ich ein verdächtiges Zischen von hinten: Der alte Herr hatte sich eine Bierdose geöffnet. Im Rückspiegel sah ich, wie er sie genussvoll leerte. Wenig später öffnete er eine zweite und während wir die Serpentinen nach Valldemossa hinauffuhren, schlief er selig lächelnd ein.
Währenddessen fragte mich die alte Dame, wie es mir gehe. Auch sie hatte wohl sofort erkannt, wie es unter meiner Sonnenbräune wirklich aussah. Ich erzählte ihr von meiner Situation, und ein paar Tränen liefen mir dabei über die Wange.
Dann fragte ich sie nach ihrem Leben. Sie erzählte mir, dass sie ihren Sohn verloren hätten. Dass sie immer noch trauerten und nicht darüber hinwegkämen. Dabei liefen bei ihr die Tränen.
Als wir gestartet waren, waren wir uns völlig fremd. Nun waren wir in unserer Traurigkeit miteinander verbunden. Das gab mir Trost und ich glaube, ihr auch.
Nach der Tour begegneten wir uns nie wieder. Doch diese Fahrt hat Spuren bei mir hinterlassen. Weil ich dort zum ersten Mal gespürt habe, wie tief eine Begegnung werden kann, wenn wir den Mut haben, uns zu öffnen.
Deshalb ermutige ich Dich, Deine Geschichten zu erzählen.
Sie haben eine ungeheure Kraft.
Ich verspreche Dir: Du kannst dabei nur gewinnen.
